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ZEICHNEN

ATETTÄTER

Satirische Erzählung

Das Ohr der Nation


An dem Tag, an dem der amerikanische Präsident beinahe erschossen wurde, roch der Platz vor der Tribüne nach Zuckerwatte, Motoröl und patriotischer Bratwurst.


Überall flatterten Fahnen. Kinder winkten. Rentner kniffen gegen die Sonne die Augen zusammen. Ein Mann verkaufte T-Shirts mit der Aufschrift: „SICHERHEIT ZUERST“ direkt neben einem unbewachten Absperrgitter.
Und mitten durch die Menge marschierte der Attettäter.
Er trug einen langen Mantel, obwohl es heiß war. Auf dem Rücken hatte er ein Gewehrfutteral, aus dem oben eindeutig ein Fernglas, ein Stativ und etwas hervorschaute, das aussah wie eine zusammengefaltete Leiter. Unter dem Arm klemmte eine Steinschleuder von der Größe eines Tennisschlägers.
„Was ist das denn?“, fragte ein Sicherheitsmann.
Der Attettäter blieb stehen, lächelte verschwitzt und sagte:
„Ich bin vom… äh… historischen Bogensportverein.“
Der Sicherheitsmann sah auf die Steinschleuder, dann auf den Turm mitten im Zuschauerbereich, dann wieder auf die Steinschleuder.
„Ah“, sagte er. „Kultur.“
Und ließ ihn durch.
Der Turm stand dort wie ein schlecht platzierter Gedanke. Niemand wusste genau, warum er mitten im Zuschauerrund aufgebaut worden war. Die einen hielten ihn für eine Aussichtsplattform. Andere für moderne Kunst. Wieder andere glaubten, dort oben sitze der Mann für die Stadionkamera. Tatsächlich saß dort oben schon seit Stunden niemand, weil der Kameramann in der Mittagspause falsch abgebogen und in Ohio gelandet war.
Der Attettäter begann also zu klettern.
Mitten im Blickfeld aller.
Stufe für Stufe.
Sein Mantel blieb an einer Schraube hängen. Seine Tasche riss auf. Murmeln, ein Butterbrot, drei Gummibänder und ein Handbuch mit dem Titel „Attentate für Anfänger“ fielen polternd herunter.
„He!“, rief ein zweiter Sicherheitsmann nach oben. „Sie verlieren da was!“
„Requisite!“, rief der Attettäter panisch zurück.
„Für was denn?“
„Für… eine Lehrvorführung!“
Der Sicherheitsmann nickte. „Bildung ist wichtig.“
Unten applaudierte versehentlich jemand.
Der Präsident stand derweil an einem Rednerpult, geschniegelt, gebügelt und von der Art Selbstgewissheit umhüllt, die man sonst nur bei Spielshowmoderatoren und Katzen findet. Er winkte in die Menge, hob das Kinn, lächelte in Kameras und sagte gerade: „Meine Landsleute, wir leben in sicheren Zeiten—“
In diesem Augenblick erreichte der Attettäter keuchend die Plattform.
Er wollte sich dramatisch in Position bringen, trat aber zuerst auf seine eigene Mantelschleppe, drehte sich einmal halb im Kreis, stieß mit dem Knie gegen das Geländer, verlor fast die Steinschleuder und musste sich mit einem unbeholfenen Quieken retten, das unten viele für einen seltenen Wahlkampf-Vogel hielten.
Er lud seine Waffe.
Nicht mit einer Kugel.
Nicht mit einem Pfeil.
Sondern mit einem blitzenden Metallkügelchen, das aus einer Bonbondose stammte.
Dann zielte er.
Er nahm Maß wie ein Mann, der nicht genau wusste, was Maßnehmen ist.
Er kniff ein Auge zu.
Dann das andere.
Dann beide gleichzeitig.
Er zog das Gummi zurück, so weit, dass sein Gesicht die Form eines beleidigten Pfannkuchens annahm.
Und schoss.
Die Kugel flog los.
Sie prallte zuerst gegen ein Werbebanner für Maislimonade, dann gegen den Kopf eines Pappaufstellers des Präsidenten, dann gegen das Mikrofon, änderte aus nicht nachvollziehbaren Gründen die Richtung und pfiff schließlich so knapp am echten Präsidenten vorbei, dass sie ihm ein sauberes, rundes Loch ins Ohr stanzte.
Ein perfektes Ohrloch.
Nicht tödlich.
Nicht einmal besonders würdevoll.
Aber exakt mittig, als hätte ein überbezahlter Juwelier Maß genommen.
Der Präsident erstarrte.
Die Menge keuchte.
Irgendwo schrie eine Frau: „Oh mein Gott, er ist perforiert!“
Ein Mann mit Hotdog sagte: „Das ist schlimm.“
Dann biss er weiter.
Der Präsident fasste an sein Ohr, sah das Blut an seinen Fingern und begriff in derselben Sekunde etwas, das man später als historische Intuition feiern würde: Mitleid ist wahlentscheidend.
Er richtete sich auf.
Er hob langsam die Hand.
Er blickte in die Kameras mit dem feuchten Pathos eines Mannes, der spürt, dass gerade nicht nur ein Ohr, sondern eine Karriere geöffnet wurde.
„Ich…“, sagte er mit belegter Stimme, „…werde trotzdem weitermachen.“
Die Menge brach in Tränen, Jubel und unkoordinierten Sprechchören aus. Binnen Minuten war aus einem Loch im Ohr ein Loch im Herzen der Nation geworden.
Das Sicherheitspersonal stürmte nun endlich los, allerdings in die falsche Richtung. Vier Männer warfen einen Klarinettisten zu Boden. Zwei umzingelten einen Eiswagen. Ein besonders eifriger Beamter hielt die Freiheitsstatue auf einem Souvenirstand für verdächtig und konfiszierte ihr die Fackel.
Oben auf dem Turm winkte der Attettäter noch immer hektisch mit der Steinschleuder.
„Ich bin hier!“, rief er.
Niemand reagierte.
„Ich bin der Täter!“
Ein Reporter unterhalb rief zurück: „Einen Moment, wir machen gerade Opferbilder!“
Der Präsident wurde abgeführt, natürlich sehr langsam und so, dass jede Kamera das verletzte Ohr bekam. Noch am selben Abend traten Experten im Fernsehen auf und erklärten mit ernster Stimme, das Ohrloch sei „eine Zäsur“, „ein Symbol“, „ein Wendepunkt“ und „in gewisser Weise auch jugendlich“.
Am nächsten Morgen trug der Präsident keinen Verband mehr.
Er trug einen goldenen Ohrstecker.
In Form eines Adlers.
Drei Tage später gab es bereits Fanartikel: „THE EAR OF COURAGE“. Eine Woche später verkaufte sein Wahlkampfteam Clip-ons mit künstlichem Loch für patriotische Bürgerinnen und Bürger. Zwei Wochen später erschien der Präsident auf Titelseiten im Profil, immer mit der guten Seite zum Licht gedreht, das Ohr wie eine geopolitische Marienerscheinung.
Er gewann nicht nur die Wahl.
Er gewann sie haushoch.
Die Leute sagten:
„Wer so etwas überlebt, muss führen.“
„Das Loch steht ihm.“
„Endlich ein Präsident mit Durchzug.“
Kinder malten ihn mit Heiligenschein und Ohrpiercing. Veteranen nickten ehrfürchtig. Ein Gouverneur brach während einer Rede in Schluchzen aus und sagte: „Er hat für uns geblutet. Aus dem Kopfbereich.“
Dann wurde ihm eine Ehrenurkunde überreicht.
In einem goldenen Rahmen, auf schwerem Papier, mit drei Siegeln, zwei Schleifen und einem Tippfehler in der dritten Zeile. Darauf stand in feierlicher Schrift, dass er „der tapferste und beste Präsident der Welt“ sei.
Nicht Amerikas.
Der Welt.
Niemand störte sich daran. Im Gegenteil, viele fanden, das klinge bescheiden.
Der Attettäter wiederum saß derweil in Untersuchungshaft.
Zumindest dachte man das.
Tatsächlich hatte man ihn in einen Konferenzraum des Innenministeriums gesetzt, ihm Kaffee gebracht und ihn mehrfach gebeten, seine Steinschleuder „noch mal für die Presse so zu halten wie vorhin, aber trauriger“.
Er war beleidigt.
„Ich wollte Geschichte schreiben!“, sagte er.
„Haben Sie doch“, antwortete ein Beamter, ohne aufzusehen. „Sehr dekorative Geschichte.“
„Ich habe alles allein gemacht!“
„Natürlich“, sagte der Beamte und schob ihm ein Formular hin, auf dem bereits stand: EINZELTÄTER.
„Aber warum stand der Turm dort überhaupt?“
„Temporäre Infrastruktur.“
„Und warum wurde ich durchgelassen?“
„Kulturelle Unschärfe.“
„Und woher wussten die Kameras sofort, welche Seite vom Präsidenten sie filmen mussten?“
Der Beamte hob endlich den Blick, lächelte dünn und sagte: „Zufall ist in diesem Land sehr gut organisiert.“
Hier hätte man misstrauisch werden können.
Aber das Land war beschäftigt.
Es kaufte Ohrringe.
Ein Journalist jedoch wurde misstrauisch.
Er hieß Emil Cray, hatte den Teint eines Mannes, der zu viel Neonlicht gesehen hatte, und den ungesunden Ehrgeiz, Dinge zu Ende zu denken. Er roch Lügen wie andere Leute Regen. Während alle vom Mut des Präsidenten schwärmten, saß Cray zwischen Kaffeeflecken, Aktenbergen und vier summenden Bildschirmen und sagte immer wieder denselben Satz:
„Moment mal.“
Moment mal, dachte er, wieso gab es den Turm mitten im Zuschauerbereich?
Moment mal, wieso wirkten die Sicherheitskräfte überrascht wie Statisten, aber sortiert wie Tänzer?
Moment mal, wieso hatte der Attettäter in den Tagen vor dem Anschlag Mautquittungen für Regierungsfahrzeuge in der Tasche?
Moment mal, wieso bekam der Präsident schon 36 Stunden später Probeentwürfe für Ohr-Schmuck aus dem eigenen Kampagnenbüro?
Dann erhielt Cray einen Umschlag ohne Absender.
Darin lag eine Ein-Dollar-Note.
Nichts weiter.
Auf der Rückseite, mit Bleistift, nur ein Satz:
„Folg den Fingern.“
Cray zog Handschuhe an, betrachtete die Note unter der Lampe und ließ sie von einem befreundeten Forensiker prüfen. Als der Bericht zurückkam, wurde es still im Zimmer.
Zu still.
Auf der Dollarnote waren die Fingerabdrücke des Attettäters.
Und die Fingerabdrücke des Präsidenten.
Nicht nebeneinander wie Zufall.
Nicht übereinander wie Gedränge.
Sondern so ordentlich versetzt, als hätten zwei Männer sich bei einem diskreten Geldscheintransfer erstaunlich viel Mühe gegeben.
Cray packte alles in eine Ledermappe und raste los, um die Hintergründe zu veröffentlichen.
Es war Nacht.
Der Asphalt glänzte schwarz.
Die Stadt lag da wie ein Tier, das so tut, als schlafe es.
Cray bog auf den Highway ein.
Er griff nach dem Telefon.
Er wollte gerade die Redaktion anrufen.
Da geschah etwas, das später in den Nachrichten als „mysteriöser Verkehrsunfall“ bezeichnet wurde, was ein sehr eleganter Ausdruck dafür ist, dass plötzlich ein Lastwagen ohne Kennzeichen aus einem Nebel auftauchte, den es meteorologisch gar nicht geben durfte, und Crays Wagen in einer Kurve von der Straße küsste wie ein schlecht bezahlter Schurke im dritten Akt.
Am nächsten Morgen sagte ein Sprecher, der Fall sei tragisch.
Ein anderer sagte, man dürfe jetzt nicht spekulieren.
Ein dritter sagte, die Nation brauche Zusammenhalt.
Die Mappe blieb verschwunden.
Die Dollarnote auch.
Nur ein Foto tauchte kurz im Netz auf, unscharf, körnig, dann war es wieder weg. Man sah darauf zwei Hände und eine Note. Mehr nicht. Gerade genug, um zu denken:
Moment mal.
Doch schon am selben Nachmittag sprach niemand mehr darüber, weil der Präsident einen neuen Ohrstecker präsentierte. Diesmal ein kleines Sternenbanner aus Diamanten. Die Umfragewerte explodierten. Das Land seufzte gerührt. Eine Moderatorin sagte im Frühstücksfernsehen: „Leiden kann auch Stil haben.“
Und der Attettäter?
Der saß keineswegs in einer Zelle.
Er saß auf dem Rücksitz eines schwarzen Bentley mit getönten Scheiben, geschniegelt wie ein missverstandener Zauberlehrling. Neben ihm lag seine riesige Steinschleuder. Auf dem Schoß balancierte er eine Tüte Murmeln und eine Thermoskanne Kakao.
Der Wagen glitt durch die Nacht.
Vorn am Steuer trug der Fahrer weiße Handschuhe.
Hinten summte der Attettäter vor sich hin und studierte einen zerknitterten Stadtplan, auf dem mehrere Gebäude mit krakeligen Kreisen markiert waren.
„Also“, fragte der Fahrer trocken, „heute wieder ohne Auftrag?“
Der Attettäter nickte stolz.
„Natürlich ohne Auftrag.“
„Und haben Sie diesmal einen Plan?“
Der Attettäter dachte lange nach.
Dann sagte er:
„Mehr so ein Konzept.“
Der Bentley bog ab, lautlos, geschniegelt, unanständig elegant.
Hinten zog der Attettäter schon wieder das Gummi seiner Steinschleuder testweise zurück, traf damit versehentlich die Innenbeleuchtung und rief erschrocken: „Huch!“
Der Fahrer seufzte.
Irgendwo in der Ferne flatterte eine Fahne.
Irgendwo anders wurde bereits ein Turm aufgebaut.
Und über allem hing dieses seltsame Gefühl, dass in dieser Geschichte wirklich jeder Unsinn hatte passieren müssen, damit sie so sauber wirkte.
Fast zu sauber.
Als hätte jemand das Loch im Ohr nicht nur geschossen.
Sondern geplant wie ein Logo.

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